Transparenz & faire Lieferkette 

Bio-Baumwolle Pflücken in Indien

von Franziska Altenrath

»Komm und überzeuge Dich selbst.«, sagte mir Ralf Hellmann, CEO von Dibella, als ich ihn ein weiteres Mal mit kritischen Fragen über Bio-Baumwolle aus Indien bombardierte. Kreuzkontaminationen von benachbarten Farmen, der Einsatz von gentechnisch verändertem Saatgut und die offensichtlichen Möglichkeiten, GOTS-Zertifikate zu kaufen, gehörten zu den Schlagzeilen, die mich beunruhigten.

Dibella leistet seit 2011 Pionierarbeit im Bereich Bio und Fair-Trade Baumwolle für ihre B2B-Heimtextilien. Sie bieten Bettwäsche, Handtücher, Tischdecken und Servietten aus qualitativ hochwertiger Bio Baumwolle an. Ralf Hellmann ist überzeugt, dass Dibella eine Verantwortung dafür trägt, bessere Lieferketten zu schaffen, die für alle Beteiligten von Nutzen sind. 

Warum? Der konventionelle Anbau von Baumwolle führt Bauern leider viel zu häufig in Schuldenspiralen, verursacht Krankheiten und endet manchmal sogar in Selbstmord. Bio- und Fair-Trade-Produkte sind teurer, da sie die wahren Kosten des gesamten Produktes berücksichtigen. In einem so preissensiblen Segment wie dem Gastgewerbe machen erhöhte Verkaufspreise einen bedeutenden Unterschied, den nicht jeder bereit ist zu akzeptieren.

Am Montag, dem 3. Dezember 2018, stieg ich in ein Flugzeug nach Visakapatnam, um Ralf, sein Team und ein paar Kunden zu treffen um eine Alternative zu Intransparenz und mangelnder Verantwortungsübernahme kennenzulernen. Um Vertrauen und Engagement zu schaffen, laden Dibella und ihr NGO-Partner Chetna Organic regelmäßig ihre Kunden in das ländliche Indien ein. Chetna ist eine dezentralisierte Organisation, die sich darauf konzentriert, bessere Lebensgrundlagen für Bauern und ihre Familien zu schaffen. Sie tun dies, indem sie die Nebenwirkungen des Übergangs von konventioneller zu ökologischer Landwirtschaft dezimieren. Auf diese Weise schaffen sie bessere Geschäftsmöglichkeiten, ein gesünderes Arbeitsumfeld und Unabhängigkeit von monopolistischen GMO-Saatgutunternehmen, den Herstellern chemischer Düngemittel und Pestizide sowie von den in die Höhe schießenden Zinsen (oft steht dahinter ein einziges Konglomerat).

Es brauchte nicht viel, um mich zu überzeugen, Dibella auf ihrer Reise zu begleiten. 
Immerhin ist die Grundlage für die Bewertung von Nachhaltigkeit folgendes: Transparenz. Unternehmen, Designer und Entwickler, die nicht in der Lage oder nicht willens sind, kritische Fragen zu beantworten, sind die besten Indikatoren für eine miserable Nachhaltigkeitspraxis. Zertifikate können gekauft und Materialien gehypt werden, aber Vertrauenswürdigkeit und Expertise können selten vorgetäuscht werden.

Darüber hinaus ist es Alexandras und mein besonderes Anliegen, die Geschichten hinter unseren Produkten wirklich kennenzulernen. In einer globalisierten und industrialisierten Welt ist es nicht immer einfach, die Menschlichkeit in Lieferketten und Geschäftstransaktionen zu erkennen - obwohl sie vorhanden ist. Diese Geschichten zu verstehen und zu erzählen war für uns von Tag Eins an Priorität.

Wir nahmen den Zug von Visakapatnam nach Ambodala auf dem Weg zum Dorf Bhandapuri im Distrikt Khalahadi im ostindischen Bundesstaat Odhisa. Die zweistündige Fahrt erwies sich als ein wahrgewordener Traum: Eine Wes-Anderson-Szene mit roten Ledersitzen, schweren Samtvorhängen und dem regelmäßigen Erscheinen eines Chai Wallahs in langen, dunklen Korridoren. Nach wenigen Stunden kamen die ersten Baumwollfelder in Sicht.

Die letzten Spuren der Müdigkeit verschwanden, als wir an unserem ersten Halt ankamen. Die Schülerinnen und Schüler des Kasturba-Gandhi-Balika-Vidhayala-Internats in Bandhapari empfingen uns mit einer überwältigenden, herzlichen und neugierigen Prozedur, die uns mehr oder weniger sanft in die zeremonielle Intensität des ländlichen Indiens einführte. Als nächstes stand ein von Chetna Organic betriebenes Ausbildungs- und Forschungszentrum auf dem Programm, in dem die Bauern Know-how, Best-Practice-Beispiele, Saatgut und landwirtschaftliche Geräte erhalten. Der Ort dient auch als Testgelände für Saatgut und Artendiversifizierung.

Ich kam dort zum ersten Mal mit Rohbaumwolle in Berührung. Flauschige und weiße, aufgeplusterte Bälle überall um mich herum. Das Chetna-Team erklärte, wie natürliche Düngung, Artenvielfalt und lokales Saatgut bei richtiger Anwendung die konventionelle Praxis ersetzen könnten. Beispielsweise könnten Schädlingsinsekten auf Pflanzen mit abweisenden Ausprägungen umgelenkt werden, um so die daneben stehende, kostbare Baumwolle zu schützen. Humusdünger könnte von Landwirten und Gemeinschaften aus landwirtschaftlichen und Nahrungsmittelabfällen selbst hergestellt werden. Saatgut könnte aus "Saatgutbanken" entnommen und mit Saatgutzinsen an Saatgutverwalter zurückgezahlt werden, bei denen es sich traditionell um Frauen handelt.

Am nächsten Tag wurden wir in einem der Chetna-Dörfer empfangen, zogen uns Baumwollpflücker-Kleidung an und betraten die Felder. Es wurde schnell klar, dass das ländliche indische Bauernleben weniger romantisch ist als es scheint. Die Sonne brannte und die zuvor bewunderte, flauschige Baumwolltextur hinterließ ihre Spuren auf unserer verwöhnten, weichen Haut.

Und es gab noch mehr, was Kopfzerbrechen bereitete: Die Dorfbewohner, die sich über unsere ungeschickten Bemühungen amüsierten, haben in den letzten Jahren stark unter den Auswirkungen des Klimawandels gelitten. Dürren, Überschwemmungen und unregelmäßige Regenfälle lasteten schwer auf ihren Schultern. Wo wir waren, gibt es so etwas wie zusätzliche Bewässerung nicht. Die gesamte Ernte hängt von den Monsunregenfällen ab, die gewöhnlich zwischen Juli und September stattfinden. Zu wenig Regen führt zu Dürren und zu wenig Ertrag, zu viel Regen verursacht Überschwemmungen und gefährdet Lebensräume und Felder sowie das Leben der Bauern selbst. Ein weiteres Übel sind vorzeitige Regenfälle. Sobald die Baumwollpflanzen blühen, können diese die Ernte komplett zerstören. Ist die Baumwolle feucht, wird sie für die Textilproduktion unbrauchbar.

Die ersten und verwundbarsten Opfer des Klimawandels sind diejenigen, die selbst den kleinstmöglichen Fußabdruck hinterlassen. Es gibt keine gerechte Verteilung von Ursache und Wirkung, wenn es um den Klimawandel geht. Er geht zurück auf Industrialisierung und üppige Lebensstilen und wird von den Ärmsten bezahlt.

Konventionelle Baumwollpreise ignorieren die Kosten von Selbstmorden, Krankheiten, untrinkbarem Wasser, unfruchtbaren Böden und ungebildeten Kindern. Konventionelle Baumwollpreise täuschen vor, der Planet und seine Ressourcen seien unendlich. Konventionelle Baumwollpreise haben Bedingungen zur Folge, die viel zu sehr wie Sklaverei aussehen.

Wir müssen über die unmenschlichen Bedingungen des konventionellen Baumwollanbaus sprechen. Ignorieren ist kein Weg. Die Frage ist nicht, wie man den Preis für Bio-Baumwolle rechtfertigen kann, sondern vielmehr, wie man rechtfertigen kann, dass Profit über Menschen und Boni über Verantwortung gestellt werden.

Während meines Besuchs in Odisha habe ich starke und engagierte Frauen, sachkundige Bauern und talentierte Kinder kennen gelernt. Ich habe Armut gesehen, aber auch Hingabe, Glückseligkeit und Freundlichkeit. Die eindrucksvolle Erkenntnis, die ich gewonnen habe, ist diese: Wir können eine bedeutende und positive Veränderung im Leben anderer bewirken. Dank verantwortungsbewusster Unternehmen wie Dibella, engagierter Geschäftsführer wie Ralf Hellmann und kluger NGOs wie Chetna Organic können wir einen Beitrag leisten, um die  Schwächsten zu stärken. Wie? Indem wir unsere Entscheidungen als verantwortungsbewusste Verbraucher und Führungskräfte treffen.
 

Zusammenfassung: 

  • Franziska begleitete einen Hersteller von Heimtextilien, um zu sehen, wo und wie Bio Baumwolle gepflanzt und geerntet wird
  • “Bio” und “Fair” bedeuten für Dibella: kein genmodifiziertes Saatgut, keine chemischen Düngemittel oder Pestizide, keine schwankenden Marktpreise, Schulungen, Weitergabe von Know-how, Unterstützung von Bauern, Familien und Gemeinden über die Arbeit hinaus 
  • Probleme von konventioneller Baumwolle: Gesundheitliche Probleme, Schuldenspiralen, Bodenerosion
  • Der Klimawandel ist eine riesige Bedrohung für die Lebensgrundlage der Baumwollbauern
  • … aber du liest besser den ganzen Artikel ;) 

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