Meinungen & Statements 

Was wir unter Nachhaltigkeit verstehen

von Franziska Altenrath

 

Zweifel. Unwohlsein. Fragezeichen. Verachtung. Gelächter. Wir verstehen schon. Der Begriff “Nachhaltigkeit” polarisiert. Sogar Nachhaltigkeitsverfechter ringen um eine gemeinsame Definition. Warum? Weil der Begriff so unerträglich vage ist. Er umfasst eine Bandbreite von Faktoren und selbst das inhärente Konzept von Langfristigkeit bleibt unpräzise. Was die Welt hingegen braucht ist Handlung. Einen Fahrplan. Zeichen und Signale. Anweisungen und Richtung. Gerne möchten wir unsere Definition und Sicht auf den Begriff erklären. Und darstellen, wie wir ihn auf Beschaffung und Kommunikation im Gastgewerbe anwenden. 

Zwei Richtungen werden deutlich, wenn man durch die unzähligen Definitionen globaler Institutionen, NGOs, Unternehmen und wissenschaftlichen Veröffentlichungen stöbert. 
1. Nachhaltigkeit als Aufruf, die Lebensbedingungen von Menschen und Tieren durch die Reduzierung von negativen Umweltauswirkungen von Produkten, Services und Organisationen zu bewahren.
2. Nachhaltigkeit als Aufruf, eine ganzheitliche positive Entwicklungsagenda auf Grundlage einer Vision des guten Lebens von Menschen und Tieren auf der Erde zu gestalten. 

Beispielsweise die Beschreibung der Sustainable Development Goals der United Nations: "The Sustainable Development Goals (SDGs), otherwise known as the Global Goals, are a universal call to action to end poverty, protect the planet and ensure that all people enjoy peace and prosperity.”[1] Oder das WBCSD (World Business Council of Sustainable Development): “9+ billion people living well within the boundaries of the planet.”[2]

Die Diskussion hat sich also verlagert von einer Reduzierung der negativen Effekte hinzu einer ganzheitlichen positiven Entwicklungsagenda mit dem Ziel eines guten Lebens auf der Erde. Was soll das bedeuten?

Nachhaltigkeit war einmal darüber, die Dinge weniger schlecht zu machen. Weniger schlecht ist aber nicht länger genug. Wir brauchen gut - und Kompensation dort, wo schlechte Praktiken noch nicht verhindert werden können. Nachhaltigkeit heute streckt sich in den Bereich von Visionen, Leitbilder, Führungsgrundsätze und letztendlich grundlegender strategischer Planung. Für das Management von Risiken und Aktivitäten sind Nachhaltigkeitsfaktoren essentiell geworden. Die Tage der Reduzierung von Nachhaltigkeits-Engagement auf traditionelle "CSR" (Corporate Social Responsibility) Aktivitäten als Teil des Marketing-Mix sind zu Ende. Letztlich wird die Unklarheit des Nachhaltigkeitsbegriffs seine größte Stärke: Anstatt Kästchen von externen Audits abzuhaken, ermöglicht er Unternehmen das eigene Profil, Wissen, Expertise und Fähigkeiten effektiv und wirksam im Sinne einer globalen nachhaltigen Entwicklungsagenda einzusetzen. Vielleicht nutzt eine Organisation ihre Markenbekanntheit um für mehr Bewusstseinsschaffung bei Konsumenten zu sorgen. Vielleicht forschen sie zu mehr Ressourceneffizienz. Vielleicht nutzen sie ihre Lage, um lokale Gemeinschaften zu stärken oder engagieren sich ökologisch, beispielsweise für Wiederaufforstung oder den Schutz von Küstenregionen. Vielleicht arbeiten sie an digitalen Logistik-Lösungen, die CO2 Emissionen reduzieren. 

Genau dann, wenn Fähigkeit und Kreativität ökologischen Grenzen aber auch gesellschaftlichen Willen gegenüberstehen werden gigantische Potenziale für einen Wandel freigesetzt. 

Es braucht einen gewissen Grad an Standardisierung in Nachhaltigkeitsmassnahmen. Ressourceneffizienz, Reduzierung von Treibhausgasen, Arbeitssicherheit, Löhne, die die Lebenshaltung decken und andere Faktoren sind allgemeingültig und müssen Teil jeder Nachhaltigkeitsagenda sein. Standardisierungen ermöglichen Management und Vergleichbarkeit. Aber um die tatsächlichen kreativen und produktiven Potenziale von Märkten und ökonomischem Wettbewerb voll und ganz zu nutzen, müssen wir auf Best-Practice Beispiele und Pionierarbeit setzen. 

Wir - TUTAKA - machen uns diese Herausforderung zu eigen und tragen unsere Vision von gutem Gastgeben, gutem Einkauf und guter Kommunikation bei, bauen auf menschliche Potenziale und ökologische Grenze.

Gute Gastgeber sorgen sich um die Gesundheit und das Wohlbefinden ihrer Gäste, Mitarbeiter und lokaler Gemeinden. Sie schaffen eine Atmosphäre von Gemeinschaft und Zugehörigkeit zwischen Interessengruppen. Sie ermöglichen bedeutungsvolle materialistische und nicht-materialistische Erfahrungen. Sie erhalten und beschützen die Natur um sie herum, respektieren und fördern Biodiversität. Sie rücken Ressourceneffizienz in den Mittelpunkt und nutzen Nachhaltigkeit als Innovationstreiber für einen Prozess ständiger Verbesserung. Sie schaffen Kapazitäten für Nachhaltigkeit in Form von Jobs und Prioritätensetzungen. Gute Gastgeber fokussieren sich auf die Bereitstellung von Mehrwerten für Gäste, Mitarbeiter, lokale Gemeinden und Anteilseigner. Sie erarbeiten eine finanzielle und nicht-finanzielle Werte Definition und adaptieren eine Sicht, die durch Langfristigkeit und Risikominimierung gekennzeichnet ist.

Guter Einkauf baut auf verschiedene Kriterien abhängig von der Materialität und Lage des jeweiligen Gegenstandes auf. Wir erklären unsere Kriterien im zweiten Teil dieser Serie. Aus unserer Erfahrung über verschiedene Produktkategorien und Grenzen hinaus lässt sich die Bedeutung von Transparenz nicht genug betonen. Es gibt keinen guten Einkauf ohne die Übernahme von Verantwortung und das Bestehen auf Antworten. Zahlreiche Antworten. Besuchen auf Feldern und von Produktionsstätten. Lieferanten persönlich treffen. Die Beurteilungen verschiedener Angebote darf nicht nur kostengetrieben sein: Existenzsichernde Löhne, Arbeitsbedingungen, soziale Absicherung, Einkaufspolitik, Ressourceneffizienz, Abfallmanagement, Lebenszykluskostenbewertung, um nur einige zu nennen.

Gute Kommunikation ist klischee- und greenwahsingfrei und benötigt mehrere Ebenen. Unternehmen müssen Vertrauen aufbauen, emotionale Bezugnahme und Differenzierung schaffen. Sie müssen ihren raison d’être artikulieren. Teil III dieser Serie wird sich genau damit beschäftigen.
Ja, Nachhaltigkeit ist ein unklarer Begriff. Aber Unklarheit ist es, was gebraucht wird. Und zwar deshalb, weil best-practice und Pionierarbeit aus dem Schatten der Standardisierungsdiskussion rücken müssen. Wenn es bei Nachhaltigkeit um Visionen eines guten Lebens auf dieser Erde heute und in Zukunft geht, dann brauchen wir Gespräche und Streit darüber, was ein gutes Leben ist und wie man es am besten erreicht. Grossartige Antworten sind schon gefunden wurde. Die UN Sustainable Development Goals dienen als Orientierung und Richtung bei der Gestaltung von besseren Geschäftspraktiken, Produkten und Dienstleistungen, die endlich wieder den Menschen und ihrem Leben auf diesem Planeten dienen.

[1] United Nations: Sustainable Development Goals 
[2] EAT, Peter Bakker

Zusammenfassung: 

  • Dies ist Teil I einer Serie von Artikeln, die sich mit der Definition von Nachhaltigkeit befassen
  • Die Nachhaltigkeitsdebatte hat sich verlagert von der Frage danach, wie man die Dinge weniger schlecht machen könnte hin zu der Entwicklung einer Vision des guten Lebens und der Beschlussfassung geeigneter positiver Maßnahmen in diese Richtung
  • Wir müssen individuelle Fähigkeiten, Expertisen, Wissen und Profile von Unternehmen nutzen, um das volle Potenziale von Wirtschaft für die Nachhaltigkeitsagenda zu entfalten
  • Wir erklären, was gutes Gastgeben für uns bedeutet (ungefähr)
  • Wir erklären, was guter Einkauf für uns bedeutet (ungefähr)
  • Wir erklären, was gute Kommunikation für uns bedeutet (ungefähr)

Du hast Deine eigene Definition von Nachhaltigkeit? 
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Wir haben einige unserer Lieferanten gefragt, wie sie Nachhaltigkeit definieren...

... hier kannst Du ihre wundervollen Antworten sehen.

Frederic produziert Bambus-Trinkhalme mit einem sozialen und ökoligischen Purpose.

... unsere Definition sollte selbstverständlich nicht fehlen.